Senioren erobern den Reisemarkt

Erschienen in: Allgemein
Erschienen am: Donnerstag September 21, 2006

Unterschiedliche Ansprüche müssen von Veranstaltern beachtet werden / Busreisen beliebt

Ältere Menschen gelten in der Reisebranche als Musterkunden. Sie verreisen öfter und länger, legen mehr Wert auf Qualität und geben im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mehr Geld aus: 888 Euro, und damit 55 Euro mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Bei den Tourismuskonzernen ist in den vergangenen Jahren keine Kundengruppe so stark gewachsen wie die Senioren. Machten die über 60-Jährigen 1994 noch 21,6 Prozent aller Reisenden aus, so stellen sie heute mit rund einem Drittel der Urlauber den größten Anteil. Und ihr Anteil wächst weiter: Bis 2010 wird die Zahl der Reisenden, die älter als 60 Jahre sind, um 1,6 Millionen auf rund 15,5 Millionen zunehmen, prognostiziert die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR).

Trotz der Bedeutung, die ältere Menschen für die Tourismuswirtschaft inzwischen haben, vermeidet es die Branche, die Senioren direkt als solche anzusprechen. “Das ist ein hoch sensibles Thema”, sagt etwa Dertour-Sprecherin Anke Dannler. Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich die Kunden nicht in diese Schublade drängen ließen. Denn das Selbstverständnis der Älteren ist ein anderes: Sie fühlen sich jünger als sie sind und wollen sich mit dem Eintritt ins Rentenalter nicht zum alten Eisen abstempeln lassen. Seniorenreisen - das klingt nach Tanzabenden, Kurkonzerten und Bastelkursen.

Diese Attribute werden den Senioren auch nicht mehr gerecht. Sie sind laut FUR im Urlaub aktiver als der Durchschnitt der Bevölkerung: Sie gehen öfter wandern, machen mehr Ausflüge und zeigen mehr Interesse an Kultur und Geschichte des Urlaubslandes als die jüngeren Reisenden. Strandbesuche, Einkaufsbummel und Ruhepausen sind ihnen dagegen nicht so wichtig.

Ihr Reiseverhalten ist jedoch verschieden. Die einen zieht es jedes Jahr an den Strand, andere bevorzugen den Wanderurlaub. “Die Senioren sind keine homogene Gruppe”, sagt Jan-Hendrik Böhn, Geschäftsführer der DRK Reise-Service GmbH, die seit 1997 Reisen für Senioren anbietet. Die Wünsche der Kunden seien geprägt von den persönlichen Reisegewohnheiten, die sie im Laufe ihres Lebens erworben haben und die sich im Alter kaum noch ändern. Entsprechend unterschiedlich sind die Ansprüche: Die einen wünschen sich den Rundumservice inklusive Freizeitgestaltung, andere buchen nur das Hotel und stellen ihr Urlaubsprogramm selbst zusammen. Über 70-Jährige wünschen sich während des Urlaubs eine medizinische Betreuung, auf die Jüngere noch verzichten können.

Die Tourismusindustrie hat sich darauf eingestellt und bietet für jeden Reisetyp das passende Angebot. “Wir nähern uns über das Reisemotiv den Kunden”, sagt Michael Oczko von der TUI. Drei Gruppen hat er ausgemacht: die Aktivurlauber, die viel wandern und Fahrradtouren unternehmen, die Kulturinteressierten, die bevorzugt Studien- und Entdeckerreisen buchen, und die Älteren, die gern in Gemeinschaft verreisen.

Eigens für diese Gruppe hat TUI den “Club Elan” gegründet. In elf Hotels rund ums Mittelmeer können Senioren mehrere Wochen “überwintern”. Auf 700000 Kunden schätzt Oczko das Marktpotenzial in Deutschland. Auf die hat es auch der Konkurrent Neckermann abgesehen, der unter der Marke “Club Vital” sieben Hotels für Langzeiturlauber am Mittelmeer anbietet.

Andere Urlaubsangebote, deren Marktanteile in der Altersgruppe zukünftig zunehmen werden, sind Wellness-Touren, Kultur-, Städte- und Studienreisen - vor allem im Ausland. Deutschland bleibt zwar auch in Zukunft das beliebteste Reiseziel älterer Menschen. Doch der Anteil des Inlandstourismus in dieser Altersgruppe wird zurückgehen: 2015, so die Schätzung der FUR, werden 66 Prozent der 70- bis 80-Jährigen ihre Haupturlaubsreise im Ausland verbringen.

Die Busreiseveranstalter sind schon ein Stück weiter. “70 Prozent der Busreisen führen bereits ins Ausland”, sagt Susanne Uhlworm vom Internationalen Bustouristik Verband. Busse sind besonders bei älteren Menschen ein beliebtes Transportmittel. Rund 60 Prozent der Busreisenden sind älter als 60 Jahre. Die Branche hat sich auf die Bedürfnisse älter Menschen eingestellt. “Gepäckabholung, der Transport von Haustür zu Haustür und medizinische Betreuung gehört bei vielen Anbieter zum Standard”, sagt Uhlworm.

Quelle: allgemeine-zeitung.de

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